Op-Ed: „Das Verschwinden von Fakten“

Foto: University of Washington

 

Soziale Netzwerke sind ein Teil des Mediensystems geworden: Elf Prozent der Menschen in westlichen Ländern nutzen Twitter als Nachrichtenquelle [1]. Facebook verzeichnete im Jahr 2018 insgesamt 1,52 Milliarden aktive Nutzer täglich [2] – fast ein Fünftel der Weltbevölkerung.

 

In den vergangenen Jahren sind soziale Netzwerke nicht nur zu zentralen Informationsplattformen geworden, sondern auch zu wirkmächtigen Instrumenten, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen [3]. Staatliche Akteure versuchen, mit professionell durchgeführter Propaganda und Desinformation politischen Einfluss zu gewinnen. Und wirtschaftliche Akteure zielen mit rufschädigenden Kampagnen gegen Unternehmen und Produkte auf Wettbewerbsvorteile. Soziale Netzwerke sind heute zentrale Arenen des Ringens um die Informations- und Deutungshoheit.

 

FAKES WERDEN IMMER PROFESSIONELLER

Durch die Professionalität und das täglich wechselnde Erscheinungsbild der Einflussnahme wird es für Menschen immer schwieriger, seriöse von manipulierten Informationen zu unterscheiden. Dies gilt besonders bei emotionalen Themen und während akuter Lagen, wie Wahlen, Naturkatastrophen und Terroranschlägen, in denen soziale Netzwerke oftmals die erste Nachrichtenquelle sind.

 

Diese Entwicklung hat einen direkten Bezug zu neuesten Technologien: Eine Software kann eine große Anzahl von Accounts auf Twitter automatisiert steuern, so dass diese wie menschliche Accounts wirken (Social Bots). Durch sie werden Mehrheiten vorgetäuscht und Diskussion über gesellschaftliche Themen gezielt beeinflusst. Mit Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz entstehen authentisch wirkende Videos von Staatspräsidenten, die jedes beliebige Wort sagen können (Deep Fakes) [4]. Und sogar Desinformationskampagnen selbst werden vorgetäuscht, um den Gegner zu verwirren (False Flags Operations). Die Grenze zwischen Wahrheit und Fälschung verschwimmt, und Fakten verschwinden.

 

DESINFORMATIONEN RECHTZEITIG ERKENNEN

Um den Bedrohungen für den digitalen Informationsraum zu begegnen, braucht es die Stärkung von Medienkompetenz und die Förderung der journalistischen Ausbildung, aber auch die kontinuierliche Einbeziehung technischer Lösungen, die sich unmittelbar an die wechselnden Methoden von Desinformation anpassen. Denn Desinformation rechtzeitig zu erkennen und das Wahre vom Gefälschten zu unterscheiden, ist eine der zentralen sicherheitspolitischen Herausforderungen für freie, demokratische Gesellschaften geworden.

 

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag in :data[re]port 01/2019 von dataport.

 

DIE AUTORIN
Tabea Wilke ist Gründerin und Geschäftsführerin des Technologieunternehmens botswatch GmbH, das auf die automatisierte Detektion von Fake News, Propaganda, Desinformation und Hack-and-Leak-Taktiken in sozialen Netzwerken spezialisiert ist.

 

QUELLEN

[1] N. Newman, R. Fletcher, A. Kalogeropoulos, D. A. L. Levy, R. Kleis Nielsen, “Digital News Report 2018”, Reuters Institute for the Study of Journalism, p.11, 2018, URL: http://www.digitalnewsreport.org (03/2019)
[2] Facebook Inc, Stats, 2019, URL: https://newsroom.fb.com/company-info/ (03/2019)
[3] D. Teperik, G. Senkiv, G. Bertolin, K. Konovova, A. Dek, “Virtual Russian World in the Baltics: Psycholinguistic Analysis of Online Behaviour and Ideological Content among Russian-Speaking Social Media Users in the Baltic States”, NATO Strategic Communications Centre of Excellence (NATO StratCom COE), National Centre for Defence & Security Awareness, 2018), URL: https://www.stratcomcoe.org/virtual-russian-world-baltics (03/2019)
[4] ”AI Creates Fake Obama”, IEEE Spectrum, 2017, URL: https://spectrum.ieee.org/tech-talk/robotics/artificial-intelligence/ai-creates-fake-obama (03/2019)